Dr. med. Jan Lennart Stalp
Junior Clinician Scientist
Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
MEDIZINISCHE HOCHSCHULE HANNOVER
Die Zusammenarbeit von Dr. med. Jan Lennart Stalp – Junior Clinician Scientist an der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Medizinische Hochschule Hannover – und
Dr. rer. nat. Ivana Kutle – Translational Scientist am Institut für Experimentelle Hämatologie, Medizinische Hochschule Hannover – begann im Jahr 2023 auf Initiative ihrer Vorgesetzten. Was als Zusammenarbeit zum Austausch von Proben begann, entwickelte sich schnell zu einer engen wissenschaftlichen Partnerschaft, die auf einem gemeinsamen Ziel beruhte: innovative Immuntherapien in greifbare Vorteile für Patientinnen mit gynäkologischen Krebserkrankungen umzusetzen.
Seit dem Frühjahr 2025 fördert das zweijährige nationale Translationale Tandem-Programm für gen- und zellbasierte Therapien (nTTP-GCT) die beiden Forschenden mit ihrem gemeinsamen Projekt “Harnessing primary gynecological cancer samples to identify new tumor antigens for next-generation cell therapies” und ermöglicht ihnen die Intensivierung ihrer Zusammenarbeit.
Dr. Stalp und Dr. Kutle berichten uns in diesem Interview von den anfänglichen Heraus-forderungen, denen sie bei ihrer Zusammenarbeit begegneten, sowie von signifikanten Vorteilen und den Auswirkungen ihrer gemeinsamen Arbeit auf Translation und Patient:innenversorgung.

Als experimentelle Wissenschaftlerin mit umfassender Expertise in den Bereichen Tumorbiologie, In-vitro-Modellierung, Immunologie und der Entwicklung von CAR-NK-Zelltherapien ist Dr. Kulte darauf geschult, komplexe biologische Fragestellungen ganzheit-lich zu betrachten, verschiedene Hypothesen zu untersuchen und vielfältige Mechanismen zu berück-sichtigen, die zu einer Erkrankung oder einem therapeutischen Ansprechen beitragen können. Dies ermöglicht es ihr, innovative Ansätze zu identifizieren, diese präklinisch zu entwickeln und zu testen sowie ein tiefgreifendes Verständnis der zugrunde liegenden Biologie zu erlangen.
Dr. Kutle liefert in der Regel den notwendigen experimentellen Rahmen für meine klinisch fundierten Ideen. Wenn ich eine Idee habe, die der klinischen Praxis zugutekommen könnte, ist sie in der Lage, schnell einen Versuchsplan und Methoden zu entwickeln, um zu beurteilen, ob meine Idee das Projekt voranbringen könnte oder überhaupt funktionieren würde. Dank ihrer breit gefächerten Kompetenzen auf dem Gebiet der Gen- und Zelltherapien ist sie in der Lage, nahezu jede Methode einzusetzen, um die Dinge zum Laufen zu bringen.

Die klinische Perspektive von Dr. Stalp bietet einen direkten Einblick in die Bedürfnisse der Patienten, die derzeitigen Grenzen der Behandlung und die Realitäten der medizinischen Entscheidungsfindung. Er versteht es besonders gut, zu erkennen, welche Fragen aus klinischer Sicht am dringlichsten sind und wie Forschungs-ergebnisse zum Nutzen der Patienten umgesetzt werden können.
Die Kombination unserer Perspektiven ermöglicht es uns, dieselbe Herausforderung aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und Forschungsstrategien zu entwickeln, die sowohl wissenschaftlich anspruchsvoll als auch praktisch relevant sind. Ich sehe unsere Zusammenarbeit als ein Gleichgewicht zwischen Breite und Fokus. Mein Ansatz trägt dazu bei, dass wir die Komplexität des Problems erfassen und innovative Lösungen in Betracht ziehen, während die Perspektive von Dr. Stalp dabei hilft, die für die klinische Anwendung relevantesten Aspekte zu priorisieren. Letztendlich hilft uns dies, die Lücke zwischen Entdeckung und Umsetzung zu schließen und die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass unsere Arbeit für die Patient:innen einen echten Unterschied macht.

Als wir unsere Zusammenarbeit begannen, lieferte ich Dr. Kutle regel-mäßig Patientenproben und versuchte, so viele wie möglich bereitzustellen. Da ich mit den Protokollen nicht wirklich vertraut war, hatte ich keine Ahnung, wie viel Arbeit eine Probe verursachen würde und wie lange Dr. Kutle bleiben müsste, um sie zu bearbeiten. Ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen wegen der Wochen, in denen ich innerhalb kurzer Zeit und spät am Tag mehrere Proben abgegeben habe.
Und ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr mich die Arbeitszeiten von Dr. Kutle überrascht hatten. Ich war es gewohnt, wegen der Operationen und der Ambulanz früh anzufangen, deshalb kam ich auch früh ins Labor. Zu meiner Überraschung war ich fast der Einzige dort. Dr. Kutle hat einen ganz anderen Arbeitsrhythmus als ich, beginnt erst Stunden später, da sie ihre produktivste Phase erst später am Tag hat, und arbeitet regelmäßig bis in den Abend hinein. Inzwischen habe ich mich an den Labortagen fast an ihren Arbeits-rhythmus angepasst, aber ich schaffe es immer noch nicht, am Nachmittag genauso produktiv zu sein.

Unsere unterschiedlichen Prioritäten im Arbeitsalltag stellten zu Beginn definitiv eine Herausforderung dar. Die Labor-forschung orientiert sich oft an experimentellen Zeitplänen und hängt von der Verfügbarkeit von Primärproben ab, während die klinische Arbeit den Anforderungen der Patient:innen-versorgung und einem streng strukturierten Zeitplan folgt. Diese unterschiedlichen Perspektiven erfordern Flexibilität, offene Kommunikation und gegenseitiges Verständnis. Mit der Zeit haben wir gelernt, unsere Arbeitsabläufe aufeinander abzu-stimmen, uns an die Routinen des anderen anzupassen und diese Unterschiede eher als sich ergänzende Stärken denn als Herausforderungen zu betrachten.
Einer meiner größten „Aha“-Momente im ersten Jahr war die Erkenntnis, wie selbstver-ständlich sich die klinische und die experimentelle Perspektive ergänzen. Viele unserer Diskussionen begannen mit einer klinischen Beobachtung oder einem ungedeckten Patient:innenbedürfnis und entwickelten sich schnell zu Forschungsfragen, die im Labor untersucht werden konnten. Genauso oft führten experimentelle Ergebnisse zu neuen klinischen Fragen und eröffneten neue Diskussionsansätze. Ein besonders einprägsames Beispiel ergab sich bei der Genexpressionsanalyse einer von einer Patientin stammenden Gewebeprobe, die ursprünglich als gesunde Kontrolle in unsere Studien aufgenommen worden war. Zu unserer Überraschung stellte sich heraus, dass sie aus malignem Gewebe stammte. Dies zeigte erneut, wie molekulare Daten, klinische Erkenntnisse und wissen-schaftliches Fachwissen zusammenwirken können, um ein vollständigeres Bild zu ergeben. Es bestätigte mir zudem, dass translationale Forschung kein einseitiger Weg vom Labor zum Krankenbett ist, sondern ein kontinuierlicher Austausch zwischen klinisch und nicht-klinisch tätigen Forschenden.

Obwohl unsere Zusammenarbeit bereits vor Aufnahme in das nTTP-GCT begonnen hatte, bot das Programm einen idealen Rahmen zur Stärkung unserer Partnerschaft, beispielsweise durch die 'geschützte Forschungszeit‘ für unser Projekt.
Dr. Kutle hat mir viele meiner experi-mentellen Fähigkeiten in Bezug auf Protokolle und Methoden der Gen- und Zelltherapie vermittelt und ohne sie wäre ich nicht in der Lage, die trans-lationale experimentelle Arbeit durchzuführen. Daher war jeder wissenschaftliche Fortschritt, den ich oder wir erzielt haben, nur möglich, weil wir so eng als Tandem zusammengearbeitet haben.
Ich bin überzeugt davon, dass unsere Fortschritte auf dem Weg zu unserem gemeinsamen Ziel, innovative wissenschaftliche Erkenntnisse in einen sinnvollen klinischen Nutzen umzusetzen, nicht so erfolgreich gewesen wären, hätten wir unsere Arbeit ausschließlich auf unsere klinische oder experimentelle Perspektive gestützt.

Dem stimme ich voll und ganz zu. Darüber hinaus haben wir eine einzig-artige Biobank mit Proben von Eierstock- und Gebärmutterhalskrebs-Patientinnen aufgebaut, indem wir den direkten Zugang zu Patientinnen-material mit Fachwissen in den Bereichen Tumorimmunologie und CAR-NK-Zelltherapie kombiniert haben. Die umfassende klinische und molekulare Charakterisierung dieser Proben hat eine wertvolle Plattform für die Identifizierung neuer therapeutischer Zielstrukturen und die Bewertung innovativer Immuntherapien in klinisch relevanten Modellen geschaffen.
Außerdem haben wir gemeinsam neue Kooperationsprojekte ins Leben gerufen, zu wissenschaftlichen Publikationen beigetragen und den Grundstein für zukünftige translationale Studien gelegt. All dies sind Ergebnisse unserer engen Zusammenarbeit, die wir im Laufe der Zeit aufgebaut haben.
Ich bin überzeugt davon, dass unsere Fortschritte auf dem Weg zu unserem gemeinsamen Ziel, innovative wissenschaftliche Erkenntnisse in einen sinnvollen klinischen Nutzen umzusetzen, nicht so erfolgreich gewesen wären, hätten wir unsere Arbeit ausschließlich auf unsere klinische oder experimentelle Perspektive gestützt.
Unsere unterschiedlichen Perspektiven helfen uns, die Lücke zwischen Entdeckung und Umsetzung zu schließen und die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass unsere Arbeit für die Patient:innen einen echten Unterschied macht.